SG Dortmund – 09.12.2021 – S 54 SB 909/19
Merkzeichen B · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Urteil
SG Dortmund – 09.12.2021 – S 54 SB 909/19
Einordnung: Körperliche Behinderung / Festhalten
Bedeutung: Bei dauerhafter Nutzung zweier Unterarmstützen und fehlender Möglichkeit, sich im Bus
oder Zug sicher festzuhalten, wurde B zugesprochen.
Entscheidungstext
Tenor
Die Beklagte wird unter entsprechender Aufhebung des Bescheides vom 27.11.2018 in der Gestalt
des Widerspruchsbescheides vom 15.03.2019 dazu verurteilt, bei der Klägerin ab dem 08.10.2018
einen Grad der Behinderung von 80 sowie die gesundheitlichen Voraussetzungen für das
Merkzeichen “B“ festzustellen.
Die Beklagte hat die der Klägerin entstandenen außergerichtlichen Kosten zu zwei Dritteln zu
erstatten.
Tatbestand
Nach Begrenzung des Klagebegehrens im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 09.12.2021
begehrt die Klägerin weiterhin die Feststellung eines Grades der Behinderung (GdB) von mindestens
80 sowie der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen “B“.
Die im Jahre 1988 geborene Klägerin erlitt im Jahre 2006 als damals 17jährige Beifahrerin einen
Verkehrsunfall, bei dem sie aus dem Fahrzeug geschleudert und schwer verletzt wurde.
Durch Bescheid vom 12.06.2013 stellte der damals zuständige Hochsauerlandkreis einen GdB von 50
sowie das Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen “G“ fest. Dabei
wurde als Funktionsbeeinträchtigung “Chronische Osteomyelitis rechter Unterschenkel,
Beinverkürzung 1,5 cm, Muskelminderung des rechten Beckengürtels und rechten Beines,
Hüftgelenksveränderung rechts, Schmerzsyndrom“ zugrunde gelegt.
Am 08.10.2018 stellte die Klägerin bei der Beklagten einen Änderungsantrag, mit dem sie unter
Angabe einer Verschlimmerung ihres Gesundheitszustandes neben der Feststellung eines höheren
GdB auch die Zuerkennung der Merkzeichen “B“ und “aG“ beantragte. Zur Begründung gab sie
psychische Belastungsstörungen, Depressionen sowie dauerhafte Schmerzen bei Überlastung des
linken Knies an und führte aus, dass sie dauerhaft auf Gehhilfen angewiesen sei.
Die Beklagte zog einen Entlassungsbericht der M. Klinik B. S. vom 10.01.2017 über eine stationäre
Rehamaßnahme sowie einen Bericht des Psychologischen Psychotherapeuten R. vom 19.07.2017
über eine laufende ambulante Psychotherapie bei. Anschließend holte die Beklagte Befundberichte
von dem Arzt für Orthopädie Dr. S. und dem Arzt für Neurologie und Psychiatrie Dr. B. ein. In einer
hierzu auf Veranlassung der Beklagten erstatteten gutachtlichen Stellungnahme vom 14.112018
gelangte deren ärztlicher Berater Dr. P. zu der Einschätzung, dass neben der bisher berücksichtigten
Funktionsbeeinträchtigung im Bereich der rechten unteren Extremität mit einem Einzel-GdB von 50
zusätzlich ein seelisches Leiden (Depression, Anpassungsstörung) mit einem Einzel-GdB von 30, ein
rezidivierendes Lendenwirbelsäulensyndrom mit einem Einzel-GdB von 10 sowie
Beinnervenstörungen mit einem Einzel-GdB von 10 zu berücksichtigen seien. Er gelangte zu der
Einschätzung, dass der Gesamt-GdB 60 betrage und die gesundheitlichen Voraussetzungen für die
Merkzeichen “B“ und “aG“ nicht vorlägen.
Unter Zugrundelegung des Ergebnisses der gutachtlichen Stellungnahme stellte die Beklagte sodann
durch Bescheid vom 27.11.2018 einen GdB von 60 ab 08.10.2018 sowie das Nichtvorliegen der
gesundheitlichen Voraussetzungen für die Merkzeichen “aG“ und “B“ fest.
Mit dem hiergegen erhobenen Widerspruch machte die Klägerin geltend, dass die bei ihr vorliegenden
Beeinträchtigungen mit einem GdB von 60 zu niedrig bewertet worden seien. Sie leide an täglichen
Schmerzen und sei dauerhaft auf den Gebrauch von Gehhilfen angewiesen. Des Weiteren benötige
sie Hilfe beim Ein- und Aussteigen bei Auto- sowie Zugfahrten, Sie leide an täglichen starken
Stimmungsschwankungen je nach Schmerzen und Situationen sowie einer depressiven
Grundstimmung und Schlafstörungen mit Einund Durchschlafproblemen.
Zur weiteren Begründung ihres Widerspruchs legte die Klägerin ärztliche Bescheinigungen des
Direktors der Chirurgischen Klinik B. Prof. Dr. M. vom 01.06.2006, des Arztes für Orthopädie Dr. S.
vom 21.01.2019 und des Psychologischen Psychotherapeuten R. vom 05.02.2019 vor, auf deren
Inhalt verwiesen wird.
In einer hierzu auf Veranlassung der Beklagten erstatteten gutachtlichen Stellungnahme vom
03.03.2019 gelangte deren ärztlicher Berater Dr. U. zu der Einschätzung, dass die bei der Klägerin
vorliegenden Funktionsbeeinträchtigungen ausreichend gewürdigt und zutreffend bewertet worden
seien. Die Gehfähigkeit sei nicht in ungewöhnlich hohem Maße eingeschränkt und ein regelmäßiges
behinderungsbedingtes Angewiesen sein auf fremde Hilfe bei der Benutzung von öffentlichen
Verkehrsmitteln liege nicht vor.
Durch Widerspruchsbescheid vom 15.03.2019 wies die Bezirksregierung Münster den Widerspruch
der Klägerin sodann als unbegründet zurück.
Mit der hiergegen am 15.04.2019 erhobenen Klage trägt die Klägerin unter Vorlage eines
Entlassungsberichts der Klinik B., Abteilung für Orthopädische Schmerztherapie, vom 06.12.2019
sowie einer ärztlichen Verordnung eines Rollstuhls vom 08.01.2020 zur Begründung im Wesentlichen
vor:
Infolge der bei dem Verkehrsunfall im Jahr 2006 erlittenen Verletzungen sei es ihr bis heute nicht
möglich, sich schmerzfrei fortzubewegen; die Fortbewegung erfolge mittels Gehhilfen. Trotz der
Inanspruchnahme von Gehhilfen sei sie ständig auf fremde Hilfe angewiesen. Bei der rudimentär
vorhandenen Gehfähigkeit sei die Bewertung des GdB durch die Beklagte zu gering. Des Weiteren
seien ihrer Auffassung nach die Voraussetzungen für die Merkzeichen “B“ und “aG“ erfüllt.
Im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 09.12.2021 hat die Klägerin die Klage hinsichtlich des
Merkzeichens “aG“ zurückgenommen und ihr Klagebegehren auf die Feststellung eines GdB von
mindestens 80 sowie der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen “B“ begrenzt.
Die Klägerin beantragt,
die Beklagte unter entsprechender Aufhebung des Bescheides vom 27.11.2018 in der Gestalt des
Widerspruchsbescheides vom 15.03.2019 zu verurteilen; bei ihr ab 08.10.2018 einen Grad der
Behinderung von mindestens 80 sowie die gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen
“B“ festzustellen.
Die Beklagte beantragt,
die Klage abzuweisen.
Sie vertritt nach gerichtlicher Beweisaufnahme unter Bezugnahme auf eine versorgungsärztliche
Stellungnahme ihrer ärztlichen Beraterin Frau S. vom 09.06.2021 des Auffassung, dass der Gesamt-
GdB 70 betrage und die Voraussetzungen für das Merkzeichen “B“ nicht vorlägen.
Ein von der Beklagten zur Beendigung des Klageverfahrens unterbreitetes Vergleichsangebot vom
15.06.2021 mit dem Inhalt, ab dem 08.10.2018 einen GdB von 70 festzustellen, hat die Klägerin nicht
angenommen.
Das Gericht hat Befundberichte eingeholt von dem Arzt für Neurologie und Psychiatrie Dr. B., dem
Psychologischen Psychotherapeuten R., dem Arzt für Allgemeinmedizin und
Hausarzt Dr. M. sowie dem Arzt für Orthopädie Dr. S.. Auf den Inhalt der Befundberichte sowie der
beigefügten ärztlichen Berichte wird verwiesen.
Sodann hat das Gericht Beweis erhoben durch Einholung eines Gutachtens von dem
Sachverständigen Dr. H. (Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Sozialmedizin) vom 28.04.2021 und eines
Zusatzgutachtens von der Sachverständigen Frau Dr. G. (Ärztin für Orthopädie) vom 16.02.2021. Die
Sachverständige Frau Dr. G. hat für ihr Fachgebiet für den Funktionsbereich der unteren Extremitäten
eine “Erhebliche Minderbelastbarkeit des rechten Beines bei Zustand nach komplikationsbehafteten
Unfallfolgen mit insbesondere Entwicklung einer Osteomyelitis des rechten Unterschenkels, ohne
Wiederaufflammen des knöchernen Entzündungsgeschehens seit 2009, mit
Funktionsbeeinträchtigung des Hüft- und Kniegelenkes sowie des oberen und unteren
Sprunggelenkes, mit der nachzuvollziehenden Notwendigkeit der Nutzung zweier
Unterarmgehstützen“ mit einem Einzel-GdB von 70 und einen “Wirbelsäulenschaden mit funktionell
leichtgradigen Auswirkungen im Lendenwirbelsäulenbereich“ mit einem Einzel-GdB von 10
festgestellt. Hinsichtlich des zunächst noch streitigen Merkzeichens „aG“ hat sie den
mobilitätsbezogenen GdB mit 70 bewertet und ist hinsichtlich des Gehvermögens der Klägerin zu der
Einschätzung gelangt, dass diese unter Zuhilfenahme von Unterarmgehstützen bei ausreichend
sicherem Gangbild in der Lage sei, Wegstrecken von bis zu 500 Metern zurückzulegen, Hinsichtlich
des Merkzeichens “B“ hat die Sachverständige ausgeführt, dass die Klägerin bei der Benutzung von
öffentlichen Verkehrsmitteln beim Ein- und Aussteigen dann auf fremde Hilfe angewiesen sei, wenn es
sich dabei nicht um einen ebenerdigen stufenlosen Zugang handele, wie beispielsweise bei einem
Niederflurwagen. Der Sachverständige Dr.H. hat für sein Fachgebiet ein seelisches Leiden im Sinne
einer Depression sowie ein chronisches Schmerz-Syndrom (anhaltende somatoforme
Schmerzstörung, Spannungskopfschmerzen) mit einem Einzel-GdB von 30 bewertet und sich der von
der Sachverständigen Frau Dr. G. vorgenommenen Bewertung der Minderbelastbarkeit. des rechten
Beines mit einem Einzel-GdB von 70 aus neurologisch-sozialmedizinischer Sicht angeschlossen. Er
hat hierzu ausgeführt, dass diese Beurteilung aufgrund der Parese, der Sensibilitätsstörungen, der
Deformität und der Muskelauffälligkeiten und den erheblichen Auswirkungen auf die Funktion des
Beines sachgerecht erscheine. In der Gesamtschau hat der Sachverständige Dr. H. unter
Berücksichtigung des orthopädischen Zusatzgutachtens einen Gesamt-GdB von 80 für angemessen
erachtet. Hinsichtlich der Beweisfragen zu den Merkzeichen „“B“ und „aG“ hat der Sachverständige Dr.
H. ausgeführt, dass die hierfür relevanten Beeinträchtigungen aus den orthopädischen
Einschränkungen resultierten, so dass er hierzu auf das Gutachten der Sachverständigen Frau Dr. G.
verweise.
Wegen aller weiteren Einzelheiten wird auf den Inhalt der Gutachten der Sachverständigen Frau Dr. G.
und Dr. H. verwiesen.
Die Kammer hat die Klägerin im Termin zur mündlichen Verhandlung vom 09.12.2021 zur Nutzung
öffentlicher Verkehrsmittel persönlich gehört, Wegen ihrer Angaben wird auf den Inhalt der
Sitzungsniederschrift vom 09.12.2021 Bezug genommen.
Wegen aller weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakten
und der beigezogenen Verwaltungsakten der Beklagten, die Gegenstand der mündlichen Verhandlung
gewesen sind, Bezug genommen.
Entscheidungsgründe
Die zulässige Klage ist begründet.
Die Klägerin ist durch den angefochtenen Bescheid vom 27.11.2018 in der Gestalt des
Widerspruchsbescheides vom 15.03.2019 beschwert im Sinne des § 54 Abs. 2 des
Sozialgerichtsgesetzes (SGG), weil dieser insoweit rechtswidrig ist, als die Feststellung eines GdB von
80 sowie der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen „“B“ abgelehnt wurde.
Die Klägerin hat nach Auffassung der Kammer für den Zeitraum ab Stellung des Änderungsantrags
(08.10.2018) einen Anspruch auf Feststellung eines GdB von 80.
Nach § 48 Abs. 1 SGB X ist ein Verwaltungsakt mit Dauerwirkung mit Wirkung für die Zukunft
aufzuheben, soweit in den tatsächlichen oder rechtlichen Verhältnissen, die bei seinem Erlass
vorgelegen haben, eine wesentliche Änderung eingetreten ist. Gegenüber den Verhältnissen, die dem
Bescheid vom 12.06.2013 zugrunde gelegen haben, ist eine wesentliche Veränderung im Sinne des §
Abs. 1 SGB X wegen einer Verschlimmerung der Funktionsbeeinträchtigung im Bereich der rechten
unteren Extremität sowie wegen Hinzutritts eines psychischen Leidens eingetreten.
Die Kammer ist unter Zugrundelegung der von den Sachverständigen Dr. H. und Frau Dr. G.
erstatteten Gutachten zu der Überzeugung gelangt, dass die bei der Klägerin vorliegenden
Funktionsbeeinträchtigungen nach ihren Auswirkungen in ihrer Gesamtheit ab 08.10.2018 einen
Gesamt-GdB von 80 rechtfertigen.
Nach § 2 Abs. 1 S. 1 SGB IX sind Menschen mit Behinderungen Menschen, die körperliche, seelische,
geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und
umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher
Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate hindern können. Liegen mehrere Beeinträchtigungen der
Teilhabe am Leben in der Gesellschaft vor, so wird nach § 152 Abs. 3 SGB IX der Grad der
Behinderung nach den Auswirkungen der Beeinträchtigungen in ihrer Gesamtheit unter
Berücksichtigung ihrer Wechselseitigen Beziehungen festgestellt. Zur Ermittlung eines Gesamt-GdB
ist in diesem Fall zunächst für jede einzelne Funktionsstörung ein Einzel-GdB zu bilden. Bei der
Feststellung des GdB ist gemäß § 153 Abs. 2 SGB IX seit dem 01.01.2009 die vom
Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Einvernehmen mit dem Bundesministerium der
Verteidigung nach § 30 Abs. 16 Bundesversorgungsgesetz erlassene Anlage zu § 2 der
Versorgungsmedizin-Verordnung vom 10.12.2008 (VmG) zu beachten.
Der Gesundheitszustand der Klägerin wird vorrangig durch die im Vordergrund stehende
Funktionsbeeinträchtigung der rechten unteren Extremität beeinträchtigt, für die unter Zugrundelegung
der von der Sachverständigen Frau Dr. G. für das orthopädische Fachgebiet erhobenen Befunde und
der von dem Sachverständigen Dr. H. erhobenen neurologischen Befunde nach Auffassung der
Kammer ein GdB von 70 in Ansatz zu bringen ist. Nach den Darlegungen der Sachverständigen Frau
Dr. G. besteht eine deutliche Minderbelastbarkeit des gesamten rechten Beines mit
Funktionsbeeinträchtigung des rechten Hüft- und Kniegelenkes sowie des rechten oberen und unteren
Sprunggelenkes. Zusätzlich waren bei der Untersuchung durch den Sachverständigen Dr. H. eine
allgemeine Schwäche und Sensibilitätsstörungen festzustellen, Nach der für die Kammer
nachvollziehbar und plausibel vorgenommenen Bewertung der Sachverständigen Frau Dr. G., der
sich der Sachverständige Dr. H. ausdrücklich angeschlossen hat, wird die Klägerin durch die
Funktionsbeeinträchtigung im Bereich der rechten unteren Extremität vergleichbar behindert wie ein
Betroffener, der einen Verlust eines Beines im Oberschenkel erlitten hat, für den nach Teil B Ziff. 18.14
VmG ein Einzel-GdB von 70 in Ansatz zu bringen ist. Die entgegenstehende lediglich nach Aktenlage
vorgenommene Bewertung durch Frau S. in der versorgungsärztlichen Stellungnahme vom
09.06.2021 vermochte die Kammer nicht zu überzeugen. Soweit durch die ärztliche Beraterin der
Beklagten kritisch angemerkt wird, dass eine ständige Entlastung des rechten Beines nicht notwendig,
vielmehr das freie Gehen – eingeschränkt - möglich sei, ist jedoch zur Überzeugung der Kammer
unter Berücksichtigung des von den Sachverständigen Frau Dr. G. und Dr. H. beschriebenen
Gangbildes ein freies Gehen im Ablauf des täglichen Lebens nur sehr unsicher und sturzgefährdet
möglich und somit nicht zumutbar; Nach den Feststellungen der Sachverständigen war das Gangbild
sehr kleinschrittig und unsicher wirkend mit deutlich rechts verkürzter Standbeinphase. Die Klägerin
zeigte nur unter Zuhilfenahme von Unterarmgehstützen ein langsames aber genügend sicheres und
ausreichend stabiles Gangbild. Nach den Feststellungen der Sachverständigen. Frau Dr. G. besteht
eine nachzuvollziehende Notwendigkeit der Nutzung zweier Unterarmgehstützen beim Gehen. Vor
diesem Hintergrund hält die Kammer die von den Sachverständigen vorgenommene Bewertung der
Funktionsbeeinträchtigung des rechten Beines in Analogie zu einem Verlust eines Beines im
Oberschenkel für zutreffend und angemessen.
Zusätzlich leidet die Klägerin im Bereich der Haltungs- und Bewegungsorgane an einer endgradig
schmerzhaften Bewegungsbeeinträchtigung der Lendenwirbelsäule, ohne akute Nervenwurzelreiz-
oder Ausfallerscheinungen. Die lediglich geringgradige Funktionsbeeinträchtigung ist zur Überzeugung
der Kammer in Übereinstimmung mit der Auffassung der Sachverständigen Frau Dr. G. nach Teil B
Ziff. 18.9 VmG als Wirbelsäulenschaden mit geringen funktionellen Auswirkungen in einem
Wirbelsäulenabschnitt mit einem Einzel-GdB von 10 zu bewerten. Daneben wird der
Gesundheitszustand der Klägerin durch ein psychisches Leiden beeinträchtigt. Nach den
Feststellungen des Sachverständigen Dr. H. handelt es sich dabei um eine rezidivierende depressive
Störung bei aktuell leicht- bis mittelgradiger Episode sowie eine anhaltende somatoforme
Schmerzstörung. Bei der Untersuchung durch den Sachverständigen zeigten sich eine leichte
Minderung des Antriebs und eine depressiv gefärbte Grundstimmung sowie eine ängstliche
Verunsicherung. Nach Einschätzung des Sachverständigen handelt es sich um eine relevante, d. h.
behandlungsbedürftige depressive Erkrankung. Neben der Einnahme eines medikamentösen
Antidepressivums befindet sich die Klägerin in regelmäßiger psychotherapeutischer Behandlung bei
dem Psychologischen Psychotherapeuten Herrn R.. Die Gespräche erfolgen den Angaben der
Klägerin zufolge einmal im Monat und geben ihr viel Halt. Des Weiteren wird die Klägerin durch eine
chronische Schmerzkrankheit aufgrund körperlicher und psychischer Faktoren beeinträchtigt. Die
Klägerin klagt über starke Schmerzen im rechten Bein sowie über weitere Schmerzen im Rücken, an
der rechten Hüfte, und über wiederholt auftretende Kopfschmerzen. Hinsichtlich der chronifizierten
Schmerzsymptomatik erfolgt eine schmerztherapeutische Behandlung in der Klinik B., wobei durch
den behandelnden Arzt zwischenzeitlich gegen die Schmerzen ein Cannabis-Präparat verordnet
worden ist. Nach Teil B Ziff. 3.7 VmG sind leichte psychovegetative oder psychische Störungen mit
einem GdB von 0 bis 20 zu bewerten; bei stärker behindernden Störungen mit wesentlicher
Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit beträgt der GdB 30 bis 40. Die Kammer schließt
sich der Einschätzung des Sachverständigen Dr. H. an, wonach sich aus der psychischen
Symptomatik im Sinne einer Depression und der chronifizierten Schmerzsymptomatik eine komplexe
Symptomatik ergib, die zu einer Einschränkung der Erlebnis- und Gestaltungsfähigkeit führt. Die
Klägerin leidet an Schlafstörungen, fühlt sich tagsüber müde und ausgelaugt und hat sich von ihrem
sozialen Umfeld zurückgezogen. Die Tagesstrukturierung ist aufgrund der mangelnden Schlafqualität
insoweit beeinträchtigt, als die Klägerin zu sehr unregelmäßigen Zeiten aufsteht. Nach eigener
Schilderung vermag die Klägerin im Haushalt nur eine geringe Anzahl von Tätigkeiten zu verrichten (z.
B. das Falten von Wäsche, Bügeln im Sitzen oder die Erledigung von Kleinigkeiten in der Küche),
während die anderen Haushaltsarbeiten von ihrem Freund erledigt werden. Hierbei geht die Kammer
davon aus, dass die angegebenen Einschränkungen bei Haushaltstätigkeiten nicht vorrangig auf das
psychische Leiden, sondern vielmehr auf die erhebliche Einschränkung der Mobilität aufgrund der
Funktionsbeeinträchtigung des rechten Beines zurückzuführen sind. Wegen der aufgrund des
psychischen Leidens lediglich leichtgradig eingeschränkten Tagesstruktur hält die Kammer in
Übereinstimmung mit der Auffassung des Sachverständigen Dr. H. einen Einzel-GdB von 30 für
angemessen.
Unter Zugrundelegung der festgestellten Einzelgrade für die bei der Klägerin vorliegenden
Funktionsbeeinträchtigungen hält die Kammer in Übereinstimmung mit dem Vorschlag des
Sachverständigen Dr. H. einen Gesamt-GdB von 80 für zutreffend und angemessen. Bei der
Bemessung des Gesamt-GdB ist in der Regel von der Funktionsbeeinträchtigung auszugehen, die
den höchsten Einzel-GdB bedingt, und dann im Hinblick auf alle weiteren
Funktionsbeeinträchtigungen zu prüfen, ob und inwieweit hierdurch das Ausmaß der Behinderung
größer wird,(vgl. Teil A Ziff. 3 c) VmG). Insoweit ist zu berücksichtigen, ob sich die Auswirkungen
einzelner Funktionsstörungen gegenseitig verstärken, sich überschneiden oder auch gänzlich
voneinander unabhängig sind, Grundsätzlich führen leichte Gesundheitsstörungen mit einem Einzel-
GdB von 10 nicht zu einer Zunahme des Ausmaßes der Gesamtbehinderung (vgl. Teil A Ziff, 3 d) ee)
VmG). Bei der Bildung des Gesamt-GdB von 80 hat sich die Kammer von folgenden Erwägungen
leiten lassen:
Ausgehend von der Funktionsbeeinträchtigung im Bereich der rechten unteren Extremität mit einem
Einzel-GdB von 70 ist das psychische Leiden mit einem Einzel-GdB von 30 erhöhend zu
berücksichtigen, da die Klägerin hierdurch zusätzlich in einem weiteren Lebensbereich betroffen wird.
Durch die Beeinträchtigungen am rechten Bein werden die selbstbestimmte Lebensführung und vor
allem die Mobilität beeinträchtigt. Durch die psychische Symptomatik und die chronischen Schmerzen
ergeben sich zusätzlich Einschränkungen im sozialen Anpassungsvermögen mit einem allgemeinen
sozialen Rückzug. Die daneben vorliegende leichte Funktionsbeeinträchtigung im Bereich der
Wirbelsäule mit einem Einzel-GdB von 10 führt nicht zu einer Zunahme des Ausmaßes der
Gesamtbehinderung.
Des Weiteren liegen auch die Voraussetzungen für die Zuerkennung des Merkzeichens “B“ bei der
Klägerin vor.
Nach § 229 Abs. 2 SGB IX sind zur Mitnahme einer Begleitperson schwerbehinderte Menschen
berechtigt, die bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln infolge ihrer Behinderung
regelmäßig auf Hilfe angewiesen sind. Nach Teil D Ziff, 2.b) VmG ist dementsprechend zu beachten,
ob sie bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel regelmäßig auf fremde Hilfe beim Ein- und
Aussteigen oder während der Fahrt des Verkehrsmittels angewiesen sind oder ob Hilfen zum
Ausgleich von Orientierungsstörungen (z. B. bei Sehbehinderung, geistiger Behinderung) erforderlich
sind.
Dabei ist von einem weitgehenden Gefahrenbegriff auszugehen. Für die Notwendigkeit ständiger
Begleitung reicht es aus, dass Gefahren möglich sind, sie brauchen weder mit Sicherheit einzutreten,
noch wahrscheinlich zu sein (vgl. Bayrisches LSG, Urteil vom 26.09.2001, Az.: L 18 SB 117/00). Die
Sachverständige Frau Dr. G. hat hierzu nachvollziehbar ausgeführt, dass die Klägerin bei der
Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln beim Ein- und Aussteigen nur dann auf fremde Hilfe
angewiesen ist, wenn kein ebenerdiger stufenloser Zugang – wie beispielsweise bei einem
Niederflurwagen – vorhanden ist. Denn angesichts einer auch bereits im Jahr 2018 (Jahr der
Antragstellung) verbreiteten Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr kann nicht positiv festgestellt
werden, dass regelmäßig bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel Stufen zu überwinden sind (vgl.
LSG NRW, Urteil vom 13.03.2020, Az.: L 13 SB 115/18;, wonach auch bereits für das Jahr 2011 von
einem regelmäßigen Vorhandensein von Stufen beim Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln
ausgegangen werden kann). Soweit die Klägerin hierzu vorgetragen hat, dass bei den von ihr
genutzten Busverbindungen zwar häufig der Eingangsbereich des Busses abgesenkt sei, aber
dennoch wegen fehlender Anpassung des Bürgersteiges ein von ihr nicht zu bewältigender
Höhenunterschied beim Einsteigen überwunden werden müsse, sind die konkreten Verhältnisse am
Wohnort der Klägerin nicht maßgeblich. Für die Frage, ob regelmäßig beim Ein- und Aussteigen Hilfe
durch eine Begleitperson erforderlich ist, ist vielmehr ein genereller Maßstab anzulegen, sodass auf
eine weitgehende Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr abzustellen ist.
Unabhängig davon ist die Klägerin aber zur Überzeugung der Kammer regelmäßig auf fremde Hilfe
während der Fahrt des Verkehrsmittels angewiesen. Da die Klägerin aufgrund der erheblichen
Gebrauchsminderung des rechten Beines nach Feststellung der Sachverständigen Dr. H. und Frau Dr.
G. regelmäßig auf zwei Unterarmstützen zur Fortbewegung angewiesen ist, kann sie sich in einem
fahrenden Bus oder Zug auf dem Weg zu einem freien Sitzplatz bzw. auf dem Weg zum Ausgang nicht
ausreichend sicher festhalten. Die Klägerin hat hierzu im Termin zur mündlichen Verhandlung
glaubhaft und nachvollziehbar geschildert, dass sie in einem fahrenden Verkehrsmittel im Stand
unstabil sei und sich zur Vermeidung eines Sturzes nicht immer ausreichend sicher festhalten könne.
Die Kammer geht dabei aufgrund eigener Erfahrungen davon aus, dass angesichts der hohen
Auslastung der öffentlichen Verkehrsmittel sehr häufig nicht gewährleistet ist, dass ein Fahrgast noch
vor dem Anfahren des Verkehrsmittels einen freien Sitzplatz erreichen kann. Es besteht dann –
ebenso wie beim Aufsuchen des Ausgangs am Zielort – die Notwendigkeit zur Fortbewegung
Innerhalb des fahrenden Busses oder Zuges. Häufig stehen dabei noch andere Fahrgäste im Gang
des Verkehrsmittels, so dass ein zügiges und ungehindertes Voranschreiten unter Zuhilfenahme der
Unterarmgehstützen und ein ausreichend sicheres Festhalten nicht möglich sind. Die Klägerin ist
deshalb bei der Fahrt des Verkehrsmittels regelmäßig auf fremde Hilfe angewiesen (vgl. hierzu auch
Wendler/Schillings, VmG, 10 Auflage, S. 473). Da im Hinblick auf die Auslastung der öffentlichen
Verkehrsmittel jederzeit und nicht vorhersehbar eine Fortbewegung beim fahrenden Verkehrsmittel
erforderlich sein kann, besteht zur Überzeugung der Kammer auch eine dauerhafte Gefahrensituation,
die eine ständige Begleitperson bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln erforderlich macht.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SOG und entspricht dem Verhältnis des Obsiegens zum
Unterliegen. Hierbei war zu berücksichtigen, dass die Klägerin mit ihrer Klage
zunächst auch das Merkzeichen „aG“ angestrebt hat und die Klage diesbezüglich zu keinem Erfolg
geführt hat.